Erfahrungsbericht Tansania

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Land
Tansania
Träger
IN VIA Köln e. V.
Freiwillige/r
Tamino

Unterrichten in einer Grundschule

Die ersten Tagen in Himo, Tansania
Mit den deutschen Worten „Die Zeit ist für die Menschen da, nicht die Menschen für die Zeit“ begrüßte uns Sister Elisabeth beim offiziellen Abendessen im Kilacha Production Center. Wir neuen Freiwilligen wurden dabei von den jeweiligen Projektleitern und unserem Mentor, der uns zwei Tage vorher vom Flughafen in Dar es Salaam abgeholt hatte, begrüßt. Richtig angekommen war jedoch noch niemand von uns. Wir waren von Frankfurt aus über Addis Abeba nach Tansania geflogen und am nächsten Tag mit dem Überlandbus neun Stunden nach Himo, einem kleinen Dorf im Norden des Landes, gefahren. Übermüdet, aber froh endlich unsere „neue Heimat für ein Jahr“ erreicht zu haben, gaben wir uns alle Mühe, beim Abendessen einen positiven und wachen Eindruck zu hinterlassen. Das Essen mit den Händen ist nicht einfacher als mit Besteck, und immer mal passiert es, dass man mit der linken, „unreinen“ Hand isst, was dann niemand sehen sollte.

In Himo wohnten wir im alten Krankenhaus. Zwei von uns Freiwilligen, arbeiteten im neuen Krankenhaus, dem Faraja Health Care, während ich gemeinsam mit einer anderen Freiwilligen an zwei Grundschulen unterrichtete. In der ersten Woche besichtigten wir unsere Projekte und wurden dem Kollegium vorgestellt. Arbeiten mussten wir noch nicht, denn wir sollten uns zunächst in Himo orientieren.

In Himo leben ungefähr 1200 Einwohner. Es liegt am südlichen Fuße des Kilimanjaros. Es ist für seine Einwohnerzahl relativ großflächig, weil sich die meisten Familien mit eigenem Anbau selbst ernähren oder Angebautes verkaufen. Rund um den Kilimanjaro leben die Chagga, welche über die Jahrhunderte ein sehr gutes Bewässerungs- und Anbausystem entwickelt haben, um den Boden bestens zu nutzen, ohne ihn auszubeuten. Himo liegt jedoch erst auf circa 800 Metern, weshalb es außerhalb der Regenzeiten sehr trocken und staubig ist.

Mein Projekt, die Holy Childhood Pre- and Primary School, lag 20 Minuten außerhalb von Himo. Die Schule besuchten 312 Schüler von der ersten bis zur fünften Klasse. Da die Schule ununterbrochen ausgebaut wurde, konnte die Klassenstärke auf 33 Schüler reduziert werden. Ich unterrichtete in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und Sport. Der Schultag begann um 8 Uhr mit einer Versammlung, bei der die Nationalhymne gesungen wurde. Bis 16 Uhr wurden sechs Stunden à 40 Minuten unterrichtet. Während der Unterrichtszeit mussten alle Englisch sprechen. Der Tag in der Schule war sehr angenehm, nicht nur, weil es für die Kinder nichts Neues mehr war, dass unter den Lehrern ein Weißer ist. Auch in der Schule war der Empfang sehr herzlich und ich wurde schnell in die Abläufe integriert. Alles in allem fühlte ich mich sowohl in der Schule als auch in Himo sehr wohl und angekommen.

Auch Kiswahili lebt

Wie jede andere (gesprochene) Sprache auch, entwickelt sich Kiswahili stetig. Leicht zu erkennen, sind Einflüsse aus anderen Sprachen und Redewendungen. Doch erst bei genauerem Hinsehen, zeigt sich eine grundlegende Veränderung der Sprache auf.

Grundsätzlich ist Kiswahili eine Sprache, die sich schon seit der Entstehung vor mehreren hundert Jahren vielen Sprachen bedient hat. So sind mindestens 20% der Vokabeln aus dem Arabischen und ca. 15% der Wörter haben einen englischen Ursprung. Auch einige Vokabeln sind aus dem Deutschen (shule, pauze, kaput) oder dem Portugiesischen (magereza, pesa).

In den letzten Jahren ist vor allem der Einfluss aus Wissenschaft und Wirtschaft größer geworden und führt zu immer mehr Lehnwörtern aus dem Englischen. Beispiele hierfür sind Vokabeln wie ”daktari” (= doctor), ”dereva” (= driver) und ”techa” (= teacher).

Bevor ”daktari” in die Sprache Einzug erhielt, wurde ”mganga” verwendet. Ein Begriff, der seit der englischen Kolonialzeit nur noch für Heiler_innen und Alternativmediziner_innen verwendet wird. Während in den meisten Landesteilen Lehrer_innen noch mit ”mwalimu” angesprochen werden, wird inzwischen im Großraum Arusha-Moshi meist ”techa”verwendet.

Vor allem in der Technik finden sich viele Ausdrücke aus dem Englischen. Beispiele sind ”dividiromu” (= DVD), kibodi (= keyboard), monita (= monitor) oder seva (=server).

Was natürlich für mich sehr praktisch ist, weil ich bei Technikfragen einfach versuche, englische Begriffe kiswahili auszusprechen, stößt jedoch bei vielen Tansaniern auf Ablehnung. Inzwischen sind viele der Meinung, mensch müsse wieder mehr auf Kiswahili unterrichten und eigene Wörter finden bzw. wiederbeleben. Zumal Kiswahili in Tansania Amtssprache ist und drittmeistgesprochene Muttersprache der Welt. Auch viele Sitzungen der EAC (East African Community) und der AU (African Union) finden auf Kiswahili statt.

Nipe stori

Das Erzählen nimmt eine wichtige Rolle in Tansania ein. Oft werden Geschichten erzählt, die Botschaften und moralische Maximen vermitteln sollen. Auch in der Schule gehen in Freistunden Schüler nach vorne, um der Klasse eine Geschichte zu erzählen. Auch wenn es um Beispielsätze für die Bildung des Simple Past geht, ist dieser Satz meistens dabei: ”Last weekend I listened to the stories of my grandfather.” Oft höre ich die Aufforderung ”Nipe stori!” (= Erzähl eine Geschichte) wenn ich etwas über Deutschland erzählen soll. Dabei kann es sich um selbsterlebte Geschichten, Sagen und Legenden, Fabeln oder Märchen handeln. Dies ist eine Geschichte, die so oder in ähnlicher Version in weiten Teilen Tansanias erzählt wird.

Vor langer Zeit lebte eine Schildkröte an den Hängen des Kilimanjaro. Sie hatte einen großen glatten Panzer, den sie jeden Tag pflegte, damit er immer glänzte. Sie war sehr stolz auf ihren Panzer. Doch die Schildkröte war es satt, für jeden Ausflug so lange zu brauchen, da sie sehr langsam zu Fuß war. Die Schildkröte hatte nur sehr kurze Beine und konnte diese auch nur langsam bewegen. Deshalb beschloss sie, den weisen Hasen um Rat zu fragen. Sie fragte: ”Hase, du weißt, wie kurz meine Beine sind. Kannst du nach einer Lösung ersinnen? » Da antwortete der Hase: « Schildkröte, ich gebe dir diese Federn. Mit Kerzenwachs kannst du sie an deinem Panzer befestigen und sie zum Fliegen benutzen. Doch ich warne dich. Fliegst du zu hoch und zu nah an die Sonne, wird das Kerzenwachs schmelzen und du wirst abstürzen!” Dankend nahm die Schildkröte die Federn des weisen Hasen an. Von nun an konnte sie überall hinfliegen und war sehr schnell. Sie genoss es, die Wälder des Kilimanjaros von oben zu sehen und flog von mal zu mal höher und weiter. Eines Tages musste sie in ein Dorf auf der anderen Seite des Kilimanjaros. Sie hätte um den größten Berg Afrikas herumfliegen müssen, doch sie ignorierte die Warnung des Hasen. Als sie hoch oben über den Berg flog war sie der Sonne so nah gekommen, dass das Kerzenwachs, das ihre Federn hielt, schmolz und sie abstürzte. Sie fiel und landete hart auf den Schloten des Vulkans und rollte hinab an den Fuß des Berges. Dabei brach sie sich ihren ganzen glatten Panzer in Stücke, der von nun an vernarbt war und nicht mehr glänzte.

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