Erfahrungsbericht Peru

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Land
Peru
Träger
Freiw. Soz. Dienste - FSJ im Erzbistum Köln e.V.
Freiwillige/r
Simon

Hogar San Pedro

Endlich angekommen. Nach 34h Anreise hat es mich nun in die staubigen Hügelketten vor Lima verschlagen.
Nachdem die Flüge problemlos abgelaufen sind und wir erschöpft und müde am" Aeropuerto Internacional Jorge Chávez" in Lima angekommen waren, freuten wir uns darüber, abgeholt zu werden und unsere Zimmer beziehen zu können. So der Plan.
Aber die ersten Hindernisse eröffneten sich schon in der Empfangshalle. Es war einfach niemand da.
Nach vielfachen Telefonatsversuchen, die teils an falschen Telefonnummern, teils an der Zeitverschiebung nach Deutschland scheiterten, fuhren wir in der fremden Metropole Lima mit einem Taxi Richtung Miraflores, um erst mal ein Bett in einem Hostel zu finden. Das erste Aha-Erlebnis hatten wir sogleich im peruanischen Straßenverkehr, den es einfach mal zu (üb-)erleben gilt.
Die Begegnung mit den Peruanern ist bis jetzt immer sehr erfreulich verlaufen, sie sind hilfsbereit und nett und freuen sich, wenn man sich mit ihnen auf Spanisch, oder wie es hier heißt, "Castellano", unterhalten kann. So fand sich dann auch im 17. Anlauf ein bezugsfertiges 8-Mann Zimmer, indem unsere Ansage von nur einer Übernachtung im Hostels angesichts unserer 60kg Gepäck pro Person wenigstens zur allgemeinen Unterhaltung beitragen konnte.
Am nächsten Tag wurden wir dann in peruanischer Manier mit dezenter Verspätung abgeholt, waren letztendlich aber nur erleichtert, einen Ansprechpartner und einen klapprigen Jeep samt Fahrer gefunden zu haben.
Schließlich wurde uns erklärt: In der Hogar lag die Annahme vor, wir würden erst am Montag ankommen. Dementsprechend waren alle sehr überrascht, dass wir schon am Flughafen standen. Hinzu kam, dass gerade an diesem Wochenende das Fest "Virgen de la Rosa" gefeiert wird. Das heißt, es war niemand von der Verwaltung in der Hogar und die Organisation des Abholdienstes war nicht so einfach zu bewerkstelligen.
Jetzt sitze ich hier im Büro der Verwaltung und nutze deren WLAN, meins funktioniert nämlich leider (noch) nicht. Darüber ist aber hinwegzusehen. Ich habe schließlich schon schlimmeres überlebt, beispielsweise das Ausschließen aus dem eigenen Badezimmer für die ersten 2 Tage, die stinkige Fischsuppe, die wirklich nur mit Hängen und Würgen zu ertragen war oder den Mini-Ausflug mit unserem Begleiter Erik nach Chosica zum Einkaufen: Bei der Fahrt im Minibus, die auf jeden Fall sehr preisgünstig war, habe ich mir nämlich bei jeder Bodenwelle und jedem Schlagloch, von denen es außerhalb der Großstadt nämlich sehr viele gibt, abwechselnd Kopf, Rücken und Knie gestoßen. Sie sind für meine Größe anscheinend nicht ausgelegt.
Jetzt wird es Zeit sich einzuleben, die Weichen sind gestellt. Und das läuft, wie scheinbar alles in Perú, "poco a poco". Schritt für Schritt...



Freitag, 13.September:

Ein ganz normaler Tag in der Hogar. Vormittags nach Chosica ins Hospital einen Patienten begleiten, nachmittags Kinder betreuen. Um 18:00 geht es dann aber los: Auf nach Lima! Nun gut, die Versuche per Telefon 2 Betten für das Wochenende zu finden, waren alle erfolglos, wir wussten auch nicht, wie genau wir nach Miraflores kommen sollten, außerdem brauchten wir noch 5 Passfotos für den Antrag auf Verlängerung der Visa, aber wie singt Fergie so schön: "A little party never killed nobody"...

Nach der obligatorisch legendären Achterbahnfahrt durch Schlaglöcher und Gegenverkehr mit dem Kleinbus nach Chosica fanden wir recht schnell den von der Sekretärin beschriebenen Fotoshop. Nachdem wir dann im vollkommen unbesuchten Laden eine gute Stunde warten durften, bis die zwei Angestellten es geschafft hatten, unsere Passfotos auszudrucken, suchten wir uns sofort einen Van, der auf direktem Weg nach Lima fuhr. Dort angekommen, ging es mit dem Taxi nach Miraflores und dort fanden wir tatsächlich schon mit dem zweiten Versuch eine Unterkunft. Die erste Hürde war also genommen, wir genehmigten uns im Burger King noch ein wenig "westliche Zivilisation" und wurden am nächsten Tag Zeugen einer einzigartigen Kultur...

Samstag, 14.September:

Morgens, 10h in Lima. Da stehen wir also und warten, ein Déjà-vu ist es nicht, dafür ist es zu real... An der gleichen Straßenecke wie an unserem zweiten Tag im Land der unbegrenzten Pünktlichkeiten warten wir, und warten, und warten. Mario Mollo Cuadros ist ein außergewöhnlicher Peruaner.

Der "Manager" war unsere erste Bezugsperson in Perú. Der Mann in der Militäruniform, der unsere Odyssee zu Beginn unseres Jahres einem sicheren Hafen zuführte, später mit unterdrückten Freudentränen unsere Gastgeschenke entgegen nahm und einen Tag danach völlig unerwartet die Hogar verließ, half uns bisher in jeder erdenklichen Form, besorgte uns einen Internetzugang, sprach offenherzig über die Probleme in der Hogar und versprach uns sogar, dass er mit uns zur Mistura und zum Fußball gehen würde.
Und nun steht man da. An gleicher Stelle und gleichem Ort, wieder einmal seit gefühlten drei Stunden wartend. Kommt er? Oder kommt er nicht? Wie würde er sich verhalten? Will er wirklich mit uns diesen Ausflug machen oder geht es ihm nur darum, seine Pflicht zu erfüllen?

Mario ist ein Mann, der mehr "typisch deutsche" Eigenschaften besitzt, als die meisten Deutschen. Er ist ordentlich, direkt, korrekt, achtet auf Sauberkeit und Pünktlichkeit und ist stets darauf bedacht, dass auch jedem mitzuteilen. Ein Mann, der sein Wort hält. Keiner der eine Stunde zu spät und im Jogginganzug an einem Treffpunkt erscheint.
Das machte ihn dann aber noch sympathischer. Er wirkte entspannt und locker, freute sich uns zu sehen und erzählte munter drauf los: Dass er gegangen sei, da er mit der Arbeitsweise in der Hogar nicht klar gekommen wäre und jetzt einen neuen Job in Lima gefunden hätte, er mit seinem Bruder und dessen Kindern zusammenleben würde usw.
Um 12h kamen wir schließlich bei DER kulinarischen Messe Lateinamerikas an: Der"Mistura"!
Der ganze Strand an der "Costa Verde" war in ein riesiges Meer von Pavillons und Sonnenschirmen verwandelt, von überall her strömten die Menschen auf das Gelände, um all die Köstlichkeiten zu kosten, die die Küche Perus zu bieten hat. Angefangen bei "Chancho al Palo", "Pachamanca", "Arroz con Pollo" und "Cuy frito" über "Ceviche", "Humitas", allerlei Sorten Brot und Bier und schließlich noch nie gesehenen Früchten aus der "Selva" gab es eine breitgefächerte Speisekarte, die für jeden etwas zu bieten hatte. Das Bier unterscheidet sich nicht wesentlich vom deutschen, man kann es gut trinken, besser gefallen haben mir allerdings die aus Mais gewonnenen typisch peruanischen"Chicha" und "Chicha Morada". Auch die Bananenkreationen aus dem Urwald und sogar das "Cuy" hat gemundet. Wer Kaninchen isst, kann auch Meerschwein essen.

Ich kann Euch allen nur empfehlen: Geht mal zum Peruaner!

Im Anschluss an diese kulinarische Expedition ging es Richtung "Estadio", um die schönste Nebensache der Welt einmal im Ambiente der südamerikanischen Fußball-Besessenheit zu genießen. Die Stimmung war klasse, beeindruckend gerade ob der nur geringen Auslastung des Stadions (den Eintritt kann sich einfach kaum jemand leisten). Im Stadion von Alianza Lima sahen wir einen lockeren Heimsieg von 3:0 gegen "Unión Comercio", trafen den bekanntesten Fußballmoderator des Landes auf der Tribüne und durften zufrieden feststellen: So schönen Fußball wie bei uns in Deutschland, den gibt's momentan nirgendwo sonst! Auf jeden Fall nicht in Perú.

Nach einem langen, erlebnisreichen und anstrengendem Tag begleitete Mario uns noch zum Bus, lud uns ein ihn im Dezember nach Arequipa, seiner Heimatstadt, zu begleiten und sowieso, ihn zu "cualquier cosa" (jeder Sache) sofort anzurufen. Er ist wirklich sehr hilfsbereit und es war bestimmt nicht das letzte Mal, dass wir ihn gesehen haben.



Sonntag, 15.September:

Endlich einen groben Plan über die unübersichtliche, chaotische und ausufernde Metropolregion Lima bekommend, machte sich die zweiköpfige Reisegruppe, bestehend aus Lea und mir, am Sonntag auf, die "Touri-Plätze" erkunden. Mit dem Schnellbus in die historische Stadtmitte. Einkaufsstraße, Präsidentenpalast, Altstadt. Viel Gerenne, aber wenig wirklich Beeindruckendes. Lima ist eine verfallende Stadt, der alte Glanz ist nicht mehr sichtbar. Die großen Plätze sind noch ganz nett. Aber die restlichen Fassaden sind meist heruntergekommen, für einen Blick dahinter hatten wir allerdings noch genug Zeit.
Abends dann der unerwartete Höhepunkt des Wochenendes. Im "Circuito Mágico del Agua" hatten wir unglaublich viel Spaß, erst beim völlig misslungenem Fotoshooting vor den tollen Wasserfontänen und Springbrunnen, dann bei der musikalischen Untermalung der Videoshow auf der Wasserfontäne und schließlich beim Ausruhen auf der Parkbank. Ja, es ist schon lustig, wenn man wie ein Promi gefragt wird: "Darf ich ein Foto mit Dir machen?" "Spielst Du nicht hier in einer Telenovela mit?" "Du bist doch Schauspieler, oder?" Als wir den Fotowünschen nachgekommen sind fragten wir uns schon, ob wir nicht schon mal Autogrammkarten drucken sollten. Das ist zwar sicher nicht notwendig, aber ich hätte vorher wirklich nicht gedacht, dass wir gerade in der Touristenstadt Lima so auffallen und von den Menschen teils skeptisch, aber meist mit Interesse beäugt werden.

Montag, 16.September:

Ein unspektakulärer, obschon nervenzehrender Aufenthalt in der deutschen Botschaft. Wir warten nun auf unsere Reisepässe und die bestätigten, ganzjährig gültigen Visa.

Finalmente: Zurück nach Ricardo Palma. Wir entschieden uns für die preisgünstigere Variante, mit dem überfüllten "Carro", dem Kleinbus. Für die 38 km nach Chosica brauchte er knapp über 2 Stunden. Das war zwar wirklich sehr günstig, umgerechnet bezahlt man da 1€ pro Person, aber gab uns dann doch den Rest. Als wir dann, nach 3 langen Tagen und anstrengendem Reisen mit Gepäck um Mitternacht/17h nachmittags ankamen, hieß es nur noch eins: Gute Nacht, Faszination Perú!

Am Wochenende erreichte mich auch die Frage, wie denn mein Alltag genau aussieht. Diese werde ich im nächsten Eintrag gerne beantworten, also: Schaut mal wieder hier vorbei! Meldet Euch bei mir, wenn ihr wollt. Ich freue mich immer, etwas von Euch zu hören.
Bis demnächst, hasta la próxima
Euer Simon

Mehr von Simon findest du auf seinem Blog:
simoninperu.auslandsblog.de

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