Erfahrungsbericht Costa Rica

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Land
Costa Rica
Träger
firsthand
Freiwillige/r
anonym

Projekt Primera Mano

Zwei Feiertage und mucha fiesta!

Inzwischen sind schon zwei Wochen vergangen und so langsam hat uns der Alltag wieder. Es bebt zwar immer noch mindestens einmal am Tag spürbar (es sollen bisher über 1000 Nachbeben gewesen sein), aber wir haben jetzt immerhin wieder ständig fließend Wasser. Bin ich froh! Ich habe es tatsächlich zweimal geschafft unter der Dusche zu stehen, als uns mal wieder das Wasser ausgegangen ist und auch sonst war es sehr störend, dass uns das Wasser zum Waschen und Kochen und teilweise auch zum Trinken fehlte.

Seit Mittwoch ist die Schule auch wieder geöffnet, nachdem einiges aufgeräumt und ein Klassenraum gesperrt werden musste, aber es kommen trotzdem nur wenige Kinder, weil viele Eltern ihre Kinder nicht lange von zu Hause wissen wollen. Auch die Schulleiterin hat beschlossen, dass es sicherer ist, die Schulzeiten zu verkürzen, solange es noch Nachbeben gibt (was unter Umständen noch bis weit in den Oktober dauern kann) und deshalb haben wir im Moment nur bis um ein Uhr Schule, statt wie normalerweise bis um vier. Aber auch diese relativ kurze Zeit mit den Kindern ist sehr anstrengend, weil viele Kinder schon in der ersten Klasse sehr große Probleme mit einfachen Dingen wie Lesen, Schreiben und Zählen haben und der Lehrer sich nicht um alle Kinder kümmern kann und vielleicht auch will. Wir sind also jeden Stunde damit beschäftigt, durch die Reihen zu laufen und den Kindern die Aufgaben vorzulesen, weil sie sonst teilweise nicht wissen, was sie machen müssen und zu versuchen ihnen beim Abschreiben von Texten zu helfen oder Matheaufgaben zu lösen. Ein weiteres Problem ist, dass der Unterricht hier so abläuft, dass der, der seine Aufgaben erledigt hat, nach Hause gehen darf, was heißt dass die schwächeren Schüler teilweise bis zu einer Stunde länger in der Schule bleiben müssen und versuchen mit unserer Hilfe die Aufgaben zu bewältigen. Meistens sind Clara und ich wie erschlagen, wenn wir gegen zwei Uhr nach Hause kommen, was auch mit der unvorstellbaren Hitze hier zu tun hat: normalerweise sollte es in der Regenzeit etwas kälter sein, aber dieses Jahr haben wir bisher eher wenig Regen und es hat kaum einmal unter 30°C.

Nebenbei waren wir diese Woche auch noch damit beschäftigt, den „Día del Ni o“ (Tag des Kindes) vorzubereiten, der eigentlich letzte Woche stattfinden sollte, wegen des Erdbebens aber verschoben wurde: wir mussten für jeden der 120 Schüler unserer Schule eine Box aus Karton basteln, in welche dann Süßigkeiten gefüllt wurden, und waren deshalb beinahe einen ganzen Tag damit beschäftigt zu schneiden, zu kleben und alles zusammenzustecken. Am Freitag wurde dann gefeiert, allerdings auch das nur im kleinen Rahmen und in zwei Gruppen aufgeteilt, um das Risiko zu verkleinern. Es gab Spiele, Geschenke für die Kinder und wie immer ein von unserer Gastmutter gekochtes Mittagessen, zur Ausnahme aber mit Eis zum Nachtisch. Die Kinder hatten sehr viel Spaß und es war für uns alle schön zu sehen, wie sie sich über die Geschenke freuen.



Mittags, nach den Feierlichkeiten in unserer Schule, trafen Clara und ich uns dann noch in Esterones (einem Dorf, welches mit dem Auto etwa 40 Minuten – in Deutschland wären es 15 Minuten, aber die Straßen sind wahnsinnig schlecht und man kommt nur sehr langsam voran - von Sámara entfernt ist) mit den anderen Freiwilligen und Schirin und Luis, den Koordinatoren von firsthand, um gemeinsam zu kochen und dann mit den Planungen für ein Fest zu beginnen, welches am 12. Oktober zum „Día de la Raza“ (Tag der Rassen, einem Feiertag zur Ankunft von Christoph Kolumbus in Lateinamerika) an unserer Schule in Torito stattfinden und von uns organisiert und durchgeführt werden soll. Das wird ziemlich viel Arbeit, glaube ich, aber ich bin sehr gespannt, ob alles klappt und was wir so auf die Beine stellen können! Natürlich war es auch sehr schön, Nicole wieder zu treffen, die in Garza wohnt (noch weiter von Sámara entfernt!!) und die wir wegen des Erdbebens und dem Chaos danach noch nicht treffen konnten.

Heute war dann noch der „Día de Independencia“ (Unabhängigkeitstag), aber auch der wurde nur mit einem kleinen Festakt in der Schule gefeiert. Normalerweise finden schon am 14. September abends überall im Land Fackelzüge (die Fackel ist das Symbol der Unabhängigkeit) statt, aber auch diese wurden für Guanacaste (unserer Provinz in Costa Rica) abgesagt. Wir fanden uns also nur mit einigen Schülern in der, über und über mit den Nationalfarben Rot, Blau und Weiß geschmückten, Schule zusammen, sangen die Nationalhymne von Costa Rica, sowie die Hymne von Guanacaste und hörten ein, von der fünften Klasse vorgetragenes Gedicht. Es war sehr schön zu sehen, wie stolz alle waren, Ticos zu sein und ich bin ehrlich gesagt ein wenig traurig, dass die Feierlichkeiten dieses Jahr so klein ausfallen mussten.

Wie ihr merkt ist hier schwer was los und ich werde versuchen, euch auch weiterhin, so oft wie möglich von meinen Erlebnissen zu berichten.

Pura Vida - egal was kommt!

PURA VIDA, die am häufigsten verwendete Redewendung der Ticos bedeutet eigentlich so ziemlich alles: die tatsächliche Übersetzung wäre "reines Leben", aber Pura Vida wird des Öfteren auf die Frage "Wie geht‘s?" geantwortet oder einfach im Sinne von "Alles locker!" oder "Alles entspannt!" verwendet. Pura Vida ist also eine Lebenseinstellung, welche die Ticos jeden Tag in vollen Zügen ausleben.

Wow! Was für ein Wochenende liegt da hinter mir. Alles fing am Freitag an... Wie ich ja schon erwähnt habe, befinden wir uns im Moment in der Regenzeit, welche im Oktober sogar noch heftiger werden wird. Es regnet zwar im Vergleich zu den anderen Jahren anscheinend relativ wenig, aber wenn sich die Wolken dann mal öffnen, dann ist das wirklich mit keinem deutschen Gewitter zu vergleichen. Innerhalb weniger Minuten kommen unglaubliche Wassermassen vom Himmel, vor Claras Haustür bilden sich ein Fluss und ein kleiner See, man kann beinahe alle 10 Sekunden einen Blitz am Himmel sehen und durch die Wellblechdächer unserer Häuser wird das Geräusch des Regens und Donners so verstärkt, dass man sich tatsächlich nur noch schreiend, meist aber gar nicht mehr unterhalten kann. Ziemlich wild also. Ein solches Gewitter überkam uns auch Freitagmittag - es war sogar noch heftiger, als die bisherigen Gewitter. Womit allerdings keiner gerechnet hatte, war, dass sich durch das Erdbeben über meinem Zimmer die Dachplatten verschoben hatten und es jetzt durch einen kleinen Spalt auf mein Bett tropfte. Schnell einen Topf drunter gestellt und nicht weiter dran gedacht. Am Abend hatte es ja dann auch wieder aufgehört zu regnen... Nur fing es eben in der Nacht wieder an! Da lag ich also, irgendwann zwischen Mitternacht und 3 Uhr morgens (auf die Uhr zu schauen hatte ich mir verkniffen) und neben einem sanften Nieselregen überall in meinem Zimmer tropfte es auch noch ziemlich penetrant auf meine Hüfte. Aber irgendwie war ich viel zu müde und man hätte ja mitten in der Nacht bei dem Regen sowieso nicht viel machen können, also blieb ich liegen. Ein bissen zur Seite gedreht und PURA VIDA!

Nach dieser wenig erholsamen Nacht vernaschte ich am nächsten Morgen eher gerädert mein obligatorisches Gallo Pinto (Reis mit Bohnen, zum Frühstück am liebsten mit Ei und Natilla - ähnlich wie Crème fraiche), als Marlen die Küche betrat. Marlen! Die seit mehr als einer Woche angekündigte Marlen! Da war sie also: Die (Ex)Freundin unseres Gastbruders Ruddy, die ihn einige Wochen, bevor wir in Costa Rica angekommen waren, verlassen hatte, die Marlen, die nach dem Erdbeben gemerkt hat, dass ihr wohl doch noch etwas an Ruddy liegt und dass sie vergessen hatte, ihm zu erzählen, dass sie schwanger war :). Den ganzen Tag gings dann ziemlich rund. Ruddys vorher eher sporadisch eingerichtete Junggesellenbude wurde mit Blumen, Vorhängen, Fußmatten und Deckchen verziert und alles war plötzlich ziemlich sauber! Unser unordentliches, entspanntes Leben in Ruddys Wohnzimmer hat damit wohl ein Ende :(. Noch dazu kommt, dass die Stimmung im Moment eher kühl ist, weil auch Ruddys Mutter mit der ganzen Schwangerschaftsgeschichte eher unglücklich ist und Marlen zudem von starker Morgenübelkeit geplagt wird. Aber PURA VIDA! das wird schon alles.

Das restliche Wochenende haben wir dann mit einem Kumpel von Clara verbracht, der in San Jose in einem Kindertagesstätten-Projekt arbeitet und unbedingt mal unseren zugegebenermaßen ziemlich genialen Strand sehen wollte. War ziemlich cool, einen anderen Deutschen zu treffen. Als er und seine zwei Mitfreiwilligen sich wieder auf den Weg nach San Jose gemacht hatten und wir wieder bei uns zu Hause waren, kam Ruddy und fragte uns, ob wir mit ihm für seine Matheprüfung, die er am Montag schreiben müssen wurde (es war Sonntag 16:00Uhr), lernen könnten. Es dauere nur eine halbe Stunde und er hatte nur ein paar Fragen. SIEBEN STUNDEN SPÄTER, nachdem wir, mit nur einen kurzen Unterbrechung alle unsere Anstrengungen darauf verwendet hatten, Ruddy abwechselnd Trigonometrie und Volumenberechnungen näher zu bringen, waren nicht nur Clara und ich am Rande eines Nervenzusammenbruchs, sondern auch Ruddy kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, weil er so viel Mathe in seinem Kopf hatte und es bereits 23 Uhr abends war. Wir beschlossen, am Montag vor der Prüfung noch einmal zu lernen und auf Ruddys Rateglück zu vertrauen. PURA VIDA!

Eine weitere PURA VIDA! Geschichte hat sich zwar nicht dieses Wochenende ereignet, verdeutlicht aber genauso schön, wie die Ticos ticken: Unser Freiwilligenbüro liegt in Esterones, was mit dem Auto sehr weit von Torito entfernt liegt. Clara und ich hatten uns aber mit Rosa, einer anderen Freiwilligen, verabredet, um mal zu sehen, was das Büro so hergibt und mussten deswegen um 1 Uhr in Esterones sein. Wir wussten, dass es einen Weg gab, der zu Fuß etwa eine Stunde dauerte und am Playa Buena Vista entlang führte und beschlossen diesen zu nehmen. Einziges Problem: um dorthin zu gelangen, muss man einen Fluss durchqueren. Auf dem Hinweg war das kein Problem, er ging uns nur circa bis zum Oberschenkel, aber während wir im Büro waren, fing es in den Bergen an zu regnen und der Fluss war - wie schon erwartet - um einiges tiefer, als wir uns auf den Heimweg machten. Da wateten wir also mit unseren Taschen auf dem Kopf durch das inzwischen brusthohe Wasser, ständig in der Angst in ein Loch zu treten und vollends schwimmen zu müssen. Auf der anderen Seite angekommen, versicherte uns unser Gastbruder, der uns den restlichen Weg mit dem Auto fahren wollte, dass es in diesem Fluss nur nachts Krokodile gäbe. Wow! Ich habe inzwischen echt einige Zeit damit verbracht, mich zu fragen, wieso man über diesen Fluss keine Brücke baut, zumal am Playa Buena Vista ein Schildkrötencamp ist, dessen Bewohner den Fluss bei jedem Wetter durchqueren müssen. Aber PURA VIDA! schwimmen ist gut für die Gesundheit!



El día de la cultura

Am Freitag war es nun endlich soweit! Der "Día de la Cultura" stand vor der Tür und wir waren zugegebenermaßen alle sehr aufgeregt und auch ein bisschen nervös, ob alles glatt läuft, da dies die erste größere Aktion war, die wir gemeinsam organisiert und durchgeführt haben.

Wir hatten uns dazu entschlossen, verschiedene Stationen anzubieten, zwischen denen die Kinder frei wählen können und diese nach Kontinenten zu benennen, um so auch die Brücke zum Anlass des Feiertages - das Zusammenleben verschiedener Kulturen in Costa Rica - zu schlagen. In Europa wurden mit Schirin Masken gebastelt, in Afrika hat Aline den Kindern dabei geholfen, Perlenarmbänder herzustellen, in Australien gab es Sackhüpfen und Fußball mit Frauke und Nicole, in Asien verwandelten Clara und Rosa die Kinder mit Schminke in allerlei kuriose Lebewesen und in Amerika hatte ich für die Kinder Musik und passende Spiele vorbereitet. Nach einem kurzen "acto civico" (kleiner Festakt) ging es dann auch schon los: schnell wurde klar, dass Kinderschminken der absolute Renner war... und ich ein Problem hatte. Als sich alle Kinder für eine Anfangsstation entschieden hatten, blieb ich alleine in meinem Klassenzimmer zurück. Anscheinend wollte niemand tanzen. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, dass die eher kindliche Musik bei der vierten Klasse wahrscheinlich schlecht ankommen würde, aber sogar die Jüngeren verschmähten meine Station und die Kinder, die sich zufällig in mein Klassenzimmer verirrt hatten, verließen es beinahe fluchtartig. Währenddessen versanken Rosa und Clara in einem Meer aus Kindern… Es musste eine Lösung gefunden werden. Unsere Schulleiterin Doña Marielos fragte mich mitleidig, warum ich denn kein Reggaeton spielen würde, diese Musikrichtig gefalle den Kindern am besten. Ich erklärte ihr, dass ich weder eine CD mit solchen Liedern besitze, noch damit gerechnet hatte, dass es mir erlaubt sei solche Musik in der Schule zu spielen. 10 Minuten später war der Laptop der Schulleiterin an eine große Musikanlage angeschlossen und mit dem W-Lan der Schule verbunden. Über Youtube suchten wir schnell einige Lieder und schon schallte über das gesamte Schulgelände der laute Bass des ersten Liedes. Von allen Seiten kamen Kinder angerannt und plötzlich war (Zeitungs-)Tanzen doch nicht mehr uncool. Puuh, war ich erleichtert!

Der Rest des Tages verlief ohne weitere große Pannen, wir waren aber trotzdem wie erschlagen als die letzten Kinder um halb vier Uhr nachmittags (das Fest hatte schon um acht Uhr begonnen!) glücklich und als Dracula, Teufel und Kätzchen geschminkt den Heimweg antraten.

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