Nepal Erfahrungsbericht - Internationale Jugendgemeinschaftsdienste LV Berlin e.V. - FFN (Friendship Foundation Nepal)

Erfahrungsbericht Nepal

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Land
Nepal
Träger
Internationale Jugendgemeinschaftsdienste LV Berlin e.V.
Freiwillige/r
Max Theiss

FFN (Friendship Foundation Nepal)

Normalerweise beginnt mein Tag um 7:30 Uhr mit der halb gerappten Computerfrauenstimme meines Handyweckers "It's time to get up! The time is...", das Aufstehen fällt mir in dieser Zeit ziemlich schwer, da es zur Zeit eben Winter ist und in einem offen gebauten Haus ohne Heizung (so wie alle Häuser in Nepal) doch recht unangenehm ist. Nach einem kurzem Abstecher ins Bad und einen von unseren Gasteltern ans Bett gebrachte Morgentee (meistens noch mit Toast/Kekse/o. Ä., sehr geil!) gibt es ab 8:00 Uhr - eher später - Frühstück, sprich Daal Bhaat.



Wie eventuell schon mal erwähnt ist Daal Bhaat das Nationalgericht Nepals. In Nepal gibt es nur zwei Hauptmahlzeiten am Tag, morgens vor 10 Uhr und abends, beide Mal Daal Bhaat. Daal ist Nepali und bedeutet Linsensuppe, die meist relativ wässrig und sehr salzig ist, und Bhaat heißt gekochter Reis. Heutzutage gibt es immer mindestens noch ein gekochtes Gemüse, Tarkari, dazu, also eigentlich Daal Bhaat Tarkari. Gegessen wird mit der rechten Hand.

Klingt nicht so lecker und irgendwie wenig abwechslungsreich, vor allem jeden Tag und dann auch noch zum Frühstück, ist es aber. Da häufig unser Gastvater kocht und der unbestritten der zweitbeste Koch in ganz Nepal ist - der beste kocht im kleinsten, schäbigsten, billigsten und besten Restaurant in Pokhara und begrüßt mich mittlerweile mit hand shake ;-) - freue ich mich schon morgens und manchmal auch am Abend davor auf das Essen. Sein Daal ist meist mit Tomaten oder verschiedenen, getrockneten Gemüsen und extra viel Linsen angereichert und gar nicht mehr nur wässrig und salzig, Dazu gibt es immer überreichlich den besten Reis (nach einiger Zeit bemerkt man Unterschiede) und eine bis drei weitere Beilagen, unter Anderem Tarkari und so wie heute morgen zum Beispiel Omelett (obergeil!). Danach geht es dann zusammen Sita, unserer Gastmutter und meiner Schulleiterin, meistens 5 Minuten zu spät, also genau wie in Deutschland, die 600 Höhenmeter hoch zur Schule. Mittlerweile bewerkstellige ich das, wenn ich alleine laufe, ganz gut innerhalb von einer Stunde, ansonsten eher länger, aber diese Woche starte ich mit unter 50 Minuten einen neuen Rekordversuch (Edit: 02.02.2012: 49:15 Min). Dort um 10 Uhr angekommen, geht es als erstes zum täglichen Morgenappell, bei dem sich alle Schüler aufgereiht auf dem Schulhof zu versammeln haben und nach einigen, kurzen, sehr simplen Gymnastik- und Marschübungen wird die Nepali Nationalhymne gesungen. Zu guter Letzt wird ein Schüler, jedes Mal ein anderer, das wird am Tag zuvor im Unterricht festgelegt, zum kürzlich durchgenommenen Unterrichtsstoff abgefragt. Dann ist der Augenblick gekommen, normalerweise mit 5 bis 10 Minuten Verspätung, in dem meine "richtige" Arbeit losgeht, nämlich der Computer-Unterricht in Klasse 12. Mittlerweile haben wir schon 2 Computer im Lehrerzimmer fest installieren können, Tendenz steigend, dazu noch mein Netbook, sodass seit einigen Wochen 2 - 3 Schüler, nach vielen mehr oder weniger sinnvollen Theorieeinheiten über Computerhardware, Computersoftware, Computertypen, Computergeschichte etc. und durchwachsenen Gruppenpräsentationen (von richtig geil bis richtig scheiße war alles dabei), endlich praktische Erfahrungen sammeln können. Klasse 11 ist mit dem selben Programm in der siebten und letzten Schulstunde um 15:15 Uhr dran, dazu gleich etwas mehr. Um 13:15 Uhr ist eine halbe Stunde Mittagspause und dann geht es für die Lehrerschaft zur "Campus Cantine", eine kleine Bretterhütte im Dorf, zum "Lunch". Dort kocht eine ältere, unglaublich liebenswerte Dame für uns Essen, meist Tarkari und "Suka Roti" (eine Art Chapati, sprich flache Mehlfladen). Dazwischen unterrichte ich drei bzw. vier Mal die Woche die Klassen 3 und 4 in "Communicative English" und kümmere mich um die Computer und den Aufbau eines Computerraumes; unbeschäftigt bin ich nicht.

Die beiden höheren Klassen bestehen laut Anwesenheitsliste aus jeweils rund 20 Schülern, von denen ich in etwa 6 bis 12 Schüler in meinem Unterricht zu Gesicht bekomme, doch warum nur so wenig? Der wichtigste Punkt ist wohl, dass "Computer Science" ein mit mir ganz neu eingeführtes Fach ist, welches offiziell erst im nächsten Schuljahr beginnt und auch erst dann verpflichtend wird. Da der Unterricht in den Randstunden, also entweder vor oder nach dem eigentlichen Unterricht stattfindet und einige Schüler bereits privat Computerkurse, mit deutlich besserer technischer Ausstattung, in der Distrikthauptstadt Besisahar absolviert haben, ist deren Motivation verständlicherweise nicht allzu riesig. Natürlich gibt es auch genug Schüler, die grundsätzlich keine Lust haben, mehr Zeit in der Schule zu verbringen als absolut notwendig, das ist wahrscheinlich an jedem Platz auf der Erde ein bekanntes Phänomen (war bei mir selbst nicht viel anders). Zudem befürchte ich, dass es bei Manchen auch von Haus aus unerwünscht ist, übermäßig viel Zeit in die Schulausbildung zu investieren, da Sie als Hilfe auf dem Feld benötigt werden. Außerdem habe ich leider in beiden Klassen mindestens eine Handvoll Schüler, die selbst nach fast 11 bzw. 12 Jahren täglichem Englischunterricht kein Wort (!) Englisch Verstehen, geschweige denn Sprechen. Das hauptsächlich den Schülern anzulasten, ist sicherlich nicht fair, das Problem liegt vielmehr im Unterricht und damit bei den Lehren, hierzu gibt es weitere Ausführungen in dem Post "Schulsystem". Anfangs habe ich versucht, immer alle Schüler in meinen Unterricht zu "treten" und auch alle mitzuziehen, Sprachbarriere hin oder her. Mittlerweile und vielleicht auch gerade jetzt, nach Abschließen der Ankommensphase ist die Anfangseuphorie verflogen und ich habe beschlossen, nur noch die zu unterrichten, die aus wirklich wollen, ich bin allen anderen sogar nicht mehr richtig böse. So herzlos es klingen mag, ich sehe meine Aufgabe ehrlich gesagt nicht darin, Schülern in Klasse 11 oder 12 jetzt noch während des Computerunterrichts Englisch beizubringen (denn ein wenig eigenes Verschulden ist es doch). Dafür leidet der eigentliche Unterricht zu stark und wird langweilig und ineffizient für die sprachlich stärkeren Schüler. Ich weiß, das das in gewisser Weise Eliteförderung ist, aber es schwer der ganze Welt in 45 Minuten am Tag zu retten, irgendwann ist der Zug abgefahren. So negativ sich das anhören mag und so sehr meine anfängliche, überschwängliche Motivation verschwunden ist, so sehr würde ich doch behaupten, dass ich den vebleibenden "Ladies und Gentlemen" viel vermitteln kann und das das ganze allen Beteiligten zum Überfluss auch noch Spaß macht. (Achtung: ein bisschen lustig!) Angefangen mit der allgemeinen Bedienung eines Computers, der Nutzung von Tastatur und Maus (Doppelklick!), führe ich momentan in Office-Anwendungen ein und versuche einfach grundlegende Kompetenzen und ein Verständnis für den Umgang mit einem Computer zu vermitteln. Mein Masterplan sieht dann noch spaßigere Themen, wie die Verwendung von Mediaplayern und Spielen, aber auch Computersicherheit und Antivirenprogramme vor.

Ich denke, dass meine Arbeit trotz aller Widrigkeiten mit dem Einrichten und Verwalten eines neuen Computerraumes - aus Platzmangel eben das Lehrerzimmer - sehr sinnvoll und einigermaßen nachhaltig, hilfreich und innovativ ist. Das Interesse unter den Lehrern ist genauso riesig, wie leider auch ihre Undiszipliniertheit in Bezug auf die Computer, sodass ein fröhlicher Wettstreit um das meiste Computerfachwissen ausgebrochen ist. Zu nahezu jedem Zeitpunkt sind die Computer von 2 bis 4 Lehrern okkupiert und ich kann mich kaum 5 Minuten im Lehrerzimmer aufhalten, ohne nach Tipps oder Hilfe gefragt zu werden. Das ist selbstverständlich eine sehr positive Entwicklung, die Chancen auf einen einigermaßen kompetenten Nachfolger als Computerlehrer stehen sehr gut, nur ist es von Zeit zu Zeit ein wenig anstrengend. ("Max, wieso läuft mein Text so schnell immer weiter nach unten?!" - "Nimm mal den Ellbogen von der Enter-Taste, dann geht das schon.") :D Ok, das war fies.

Gegen 16:00 Uhr treten wir häufig als größere Gruppe den Rückweg an,. Manchmal bei Stundenplanänderungen oder Stundenausfall gehe ich auch schon früher direkt nach Besisahar, um Besorgungen für die Schule zu machen, in das Internetcafé zu kommen oder einfach ein paar Kekse oder Obst zu kaufen. Nach 18:00 Uhr machen langsam aber sicher alle Geschäfte zu. Zurück zu Hause angekommen, gibt es von unserem Gastvater genau wie am Morgen Tee und Kekse. Nach ein wenig allgemeinem Smalltalk über die Tagesgeschehnisse, das Essen oder das Wetter und sowieso Gott und die ganze Welt und einer eiskalten, erfrischenden Dusche gibt es Abendessen, soll heißen wieder lecker Daal Bhaat. Den Abend verbringen wir manchmal zusammen mit unseren Gasteltern vor dem Fernseher, beim Kartenspielen, mit dem Beibringen der Computernutzung oder auch gerade im Winter vor der kleinen Feuerstelle im Flur. Manchmal ist aber auch Unterrichtsvorbereitung oder -nachbereitung, einfach Lesen und Gammeln oder Glotze glotzen auf dem Netbook angesagt. (Schickt uns alle "Mad Men"-Staffeln, wir sind süchtig!) Irgendwann, wenn das restliche Dorf schon lange schläft, ist bei uns dann auch Feierabend, wie zum Beispiel jetzt.

Klima

Das typische "Nepalesische Klima" gibt es nicht, dafür ist das Land geographisch zu vielfältig. Mögliche Umschreibungen könnte man mit abwechslungsreich, extrem oder auch schwierig beginnen. Die klassische europäische Einteilung in vier Jahreszeiten gilt nicht so ganz, da der Monsun zusätzlich einen gehörigen Einfluss auf das Klima hat. Ich werde maßgeblich das von mir bis jetzt erlebte Klima in meiner direkten Umgebung beschreiben, alles ab 5000 Höhenmeter ( = kalt) sei aber komplett außen vorgelassen. Besisahar befindet sich in der "Hill-Area" auf ca. 800 Hm und damit für Nepalesische Verhältnisse sehr niedrig gelegen zwischen den Manaslu- und Annapurnabergen.

Das vorherrschende Klima lässt sich, denke ich, sehr gut mit der Flora und Fauna veranschaulichen: Wahrscheinlich stellen sich die meisten Menschen Nepal eher als kalt vor, mit schroffer, wenig bewachsenen Bergen, so wie man es von Fotos kennt. Das trifft auch zu, für die regenarmen Regionen über 4000 Meter (berühmteste Beispiele: Mustanghochebene nördlich vom Annapurna und Ladakh in Nordostindien). In so ziemlich allen anderen Teilen Nepals ist das Gegenteil der Fall. Schaue ich mich von unserem Dach aus um, so fühle ich mich ein wenig an einer dieser Antivietnamkriegsfilme erinnert. Ich sehe auf der einen Seite des Hauses dichten, tropischen Dschungel (mein Schulweg) mit Palmen, über 30 Meter hohem Bambus und absolut keine Nadelhölzer und auf der anderen Seite sehe ich sehr feuchte, fruchtbare Terrassenfelder.

Nun zum eigentlichen Teil: Bei unserer Ankunft war das Klima sehr angenehm, vergleichbar mit einem guten Sommer in Deutschland, aber nie zu warm und im Grunde kein Regen. Der Winter begann dieses Jahr in etwa Anfang November, also sehr früh, zum Einen aufgrund des stark kontinentalen Klimas, zum Anderen aber sei das aber auch eine durch den Klimawandel bedingte, ziemliche neue Veränderung. Am kältesten war es um Weihnachten herum. Konkrete Temperaturen zu nennen ist schwierig, da wir kein Thermometer haben und weil sie kaum etwas über wirkliche Wärme oder Kälte aussagen. Gerade im Winter steigen und fallen die Temperaturen und somit das Wohlbefinden mit der Sonne, je extremer desto weiter man nach oben kommt. Selbst in Gaunshahar, dem Dorf, in dem meine Schule gelegen ist, auf ungefähr 1400 Hm konnte ich tagsüber bei Sonnenschein und Windstille vor einer weißen Wand im T-Shirt sitzen, aber wehe es kam eine kleine Wolke vorbei! Bewölkte Tage waren sehr unangenehm, doch selbst dann hatte es nie weniger als schätzungsweise 10 - 15 °C. Allerdings ist selbst das schon extrem, da es keine richtig geschlossenen Häuser, geschweige denn Heizungen gibt, man ist der Kälte also dauerhaft ohne Pause ausgeliefert. Morgens, abends und natürlich in der Nacht wurde es empfindlich kalt ( ~ 5°C), zwei dicke Pullover, Schal und die extra aus Deutschland importierte Skiunterwäsche und Skisocken waren Pflicht und die eiskalte Dusche jedes Mal ein Vergnügen, aber auch gut für das Immunsystem. Innerhalb der letzten Wochen ist es schnell wieder wärmer geworden, was sehr erfreulich ist, den Aufstieg zur Schule aber auch wieder beschwerlicher macht. Außerdem regnet es nun auch wieder manchmal. Vor zwei Tagen war ein starkes Unwetter, inklusive krassen Regens, der über 24 Stunden am Stück anhielt, sodass alle Wege in den Bergen überschwemmt waren und ich vielleicht den übelsten Tag in meinem Leben in Sachen Wohlbefinden bzw. Frieren erleben durfte; auch mal eine Erfahrung. So richtig krank geworden bin ich trotzdem nicht. Zukünftig wird es weiter schnell wärmer werden, schätzungsweise bis zu 35° C am Tag und in einem Monat soll es wieder vermehrt anfangen zu regnen, auch stark, aber immer nur von kurzer Dauer. Zusammen mit vernünftigeren Temperaturen wird das nicht so schlimm sein, jedoch wird die Luftfeuchtigkeit ebenfalls steigen.

In Pokhara und Kathmandu ist das Klima vergleichbar mit dem in Besisahar, auch wenn Kathmandu auf ungefähr 1400 Hm liegt und somit theoretisch kälter ist. Durch die dichte Bebauung und der Tallage und der damit verbundenen Smogglocke ist aber kaum ein Unterschied wahrnehmbar, von der unglaublich schlechten und extrem verpesteten Luft mal abgesehen. Es mag merkwürdig klingen, doch Nepal ist im diesjährigen, weltweiten Ranking der, ich glaube, Cambridge University um die Luftqualität an drittletzter Stelle gelandet. Wer länger als eine Nacht in Kathmandu oder im Allgemeinen in Straßennähe bleibt, weiß dies aber nachzuvollziehen, für ländliche Gegenden ohne großen Straßenbau trifft das natürlich nicht mehr zu.

Mehr von Max findest du auf seinem Blog:
max-in-nepal.blog.de

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