Erfahrungsbericht Peru

-> Kommentar zu diesem Bericht schreiben
Land
Peru
Träger
VoluNation
Freiwillige/r
Klarâ W

3 Monate Peru - Schule und Kindergarten

Erste Woche

Natürlich hatte ich viel über Peru gelesen, um wenigstens ein bisschen vorbereitet zu sein. Aber weil ich nicht genau wusste, was mich erwartete, ließ ich es einfach auf mich zukommen – und das war die beste Entscheidung gewesen. Denn mit Worten kann man diese Erfahrung nicht beschreiben und so auch nicht vermitteln. Man muss es erleben. Ich bin nun eine Woche in Cusco auf 3.500 Meter Höhe stationiert und noch immer hält jeder Tag etwas Neues bereit. Auf der einen Seite kommt es einem ewig vor, hier zu sein – und auf der anderen Seite ist alles so neu, so anders als in Deutschland.

Was treibe ich also in dieser historisch und kulturell bedeutenden Stadt, die in die Anden eingebettet ist? Mein eigentliches Projekt ist, in einer Schule den Englischunterricht zu begleiten. Allerdings beginne ich damit erst morgen, weil in der letzten Woche die Klausuren anstanden und es somit keine Arbeit für mich gab. Deshalb habe ich nach meinem Einführungstag am Montag den Rest meiner Woche (Dienstag bis Freitag) in einem Kindergarten verbracht.

Von diesen „jardines“ gibt es hier in Cusco unzählig viele – was wirklich eine Hausnummer ist, wenn man bedenkt, dass jeder Kindergarten 20 bis 30 Kinder betreut. Mein Kindergarten lag an einem großen Markt, um welchen herum noch drei weitere Kindergärten liegen. Das rührt daher, dass viele Mütter auf den Märkten Waren verkaufen und vormittags eine Betreuung für ihr Kind benötigen. Deshalb war meine Arbeitszeit auch vormittags, von 9 bis 12.30 Uhr.



Nachmittagsbetreuung gibt es hier nicht. In Sachen Familie sind die Peruaner etwas anders als Deutsche. Hier steht die Familie viel stärker im Vordergrund. Die in Deutschland veraltete Tradition, den Sonntag der Familie zu widmen, ist hier eine Selbstverständlichkeit. So ist es auch verständlich, warum Mütter ihre Kinder ab dem Mittag wieder bei sich haben.
Der Kindergarten, den ich betreut habe, beherbergt 18 Kinder. Und wenn gerade keine Freiwilligen vor Ort sind, gibt es genau eine Erzieherin für die Kinder. Ich bewundere sie wirklich dafür, wie sie den Alltag mit den Kindern meistert. In Deutschland wäre dieser Umstand undenkbar.
Genauso undenkbar wären die Busse und Kombis, mit denen ich meinen Weg zum Kindergarten und wieder nach Hause meisterte. Aber auf jeden Fall ist eine solche Fahrt ein Erlebnis.

Zwischen meinen beiden Tagesfahrten beschäftigte ich mich mit den Kindern. Diese trudeln zwischen 9 und halb 10 Uhr im Kindergarten ein. Dann redet man mit ihnen oder liest ihnen vielleicht etwas vor. Aber meistens war ich mit Vorbereitungen beschäftigt: Ausmalbilder in die Hefte einkleben oder den Raum schmücken, denn die letzte Woche war die semana de la educación, die Woche der Bildung. Deswegen hatten wir auch am Freitag ein kleines Fest, auf dem wir getanzt haben – natürlich in Begleitung von jeder Menge Essen und Trinken. Aber ansonsten wird gegen kurz vor 10 Uhr dann gesungen und gebetet, denn viele Peruaner sind katholisch. Anschließend wird gefrühstückt und zwar pan con mantequilla (Brot mit Butter) und ein Getränk mit Milch und einem speziellen peruanischen Gemisch (sehr lecker). Das Frühstück wird von den Müttern zubereitet.

Im Anschluss wird dann meist das Ausmalbild bearbeitet. Kinder, die schneller fertig sind, erhalten weitere Aufgaben, wie Linien nachziehen. Alle diese Aufgaben werden bewertet: entweder mit einem lachenden Gesicht oder einem traurigen. Und natürlich wollen alle Kinder ein lachendes Gesicht in ihrem Heft vorfinden. Was genau ansteht, hängt ganz vom Tag ab: An einem Tag haben wir einen anderen Kindergarten besucht, an einem anderen habe ich ein Märchen vorgelesen, an einem anderen ihnen die Zahlen von eins bis fünf auf Englisch beigebracht. Die Erzieherin hatte immer eine Beschäftigung im Hinterkopf für die Kleinen, weil sie sonst Blödsinn machen, war aber sehr offen für Vorschläge. Wenn man sehr kreativ ist und gerne mit Kindern arbeitet, ist man hier genau richtig. Es war wirklich eine wundervolle Woche, die ich mit den Kleinen verlebt habe und ich kann dieses Projekt nur weiterempfehlen. Ich habe die Kleinen schnell ins Herz geschlossen, weshalb ich ein bisschen traurig über das Projektende bin. Aber nichtsdestotrotz freue ich mich auf meine Arbeit in der Schule. Und auf meine weitere Zeit in Peru.

Dieses Land bietet unglaublich viel – egal, ob man ans Meer möchte, an den weltberühmten Titicacasee auf 4.000 Meter Höhe, in den Regenwald oder in die Wüste: Hier ist fast jede Vegetation vertreten. Außerdem ist dieses Land als ehemalige Hochburg der Inkas kulturell und historisch absolut faszinierend. Um alles zu sehen, müsste man wahrscheinlich mehrere Monate bleiben und nur reisen. Dieses Land ist einfach sehenswert und ich kann jedem, der auch nur darüber nachdenkt, hierher zu kommen, nur dringend ans Herz legen, es zu tun. Und keine Sorge: Ich bin auch nicht allein. Ich lebe in einer sehr lieben Gastfamilie mit zwei sehr netten amerikanischen Freiwilligen. Und von den Erfahrungen, die ich in den nächsten Wochen noch mache, werde ich berichten.



Zweite Woche

Nach zwei Wochen Cusco habe ich das Gefühl, nie an einem anderen Ort gewohnt zu haben. Und ich habe in diesen zwei Wochen außerdem die Gewissheit gewonnen, dass ich diese Stadt, dieses Land sehr vermissen werde, wenn ich wieder zurück in Deutschland bin. Auch, wenn ich mich beispielsweise auf die warme Dusche in Deutschland sehr freue. Denn, dass sei an dieser Stelle gesagt, Peru ist zwar ein fantastisches Land und eine Erfahrung für's Leben, aber einschränken muss man sich in manchen Punkten doch.

Jedoch nicht im Punkt grandiose Erlebnisse. Der „Parque Nacional Manú“ ist eines dieser Erlebnisse – ein Naturschutzgebiet im peruanischen Regenwald von der Größe der halben Schweiz. Ich habe dieses Wochenende eine dreitägige Reise in den „Cloud Forest“ unternommen und bin absolut fasziniert und voller wundervoller Beobachtungen zurückgekommen. Es war meine erste Reise in den Amazonas und wird ganz sicher nicht die letzte sein. Wer auch Affen und Vögel in freier Wildbahn sowie den schönsten Sternenhimmel überhaupt sehen, mit einem Boot über den Madre-de-Dios-Río fahren, unglaubliche Pflanzen bestaunen und das Wort „Regenwald“ mit Erfahrung füllen will, dem kann ich so einen Ausflug nur empfehlen. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt, um eine der längeren Touren unternehmen zu können – allerdings kosten diese Ausflüge auch ein kleines Sümmchen, welches sich aber lohnt. Die Reiseführer sind erfahren und belesen, das Essen inkludiert und sehr lecker sowie die Unterkunft mitten im Regenwald, dafür aber mit heißem Wasser und Moskitonetzen. Einfach perfekt.

Aber nicht nur dieser Teil meiner Woche war großartig: Auch von meinem Projekt gibt es Neuigkeiten. Am Dienstag und Mittwoch war ich noch im Kindergarten, da der Englischlehrer, mit welchem ich zusammenarbeite, zu diesem Zeitpunkt noch krank war. Deswegen habe ich der Kindergärtnerin geholfen, Aufgaben für die Kleinen vorzubereiten, da der Kindergarten aufgrund der Säuberung des großen Marktes, bei welchem er sich befindet, bis einschließlich morgen geschlossen ist. Die beiden Erzieherinnen (es waren zwei Kindergärten vorzubereiten) haben mir in diesen Tagen etwas Quechua, eine indigene Sprache, beigebracht – wirklich schön.

Am Donnerstag aber war es dann so weit: Ich konnte zum ersten Mal in die Schule gehen, in der ich mein eigentliches Projekt beginne. Und wurde sehr überrascht. Das Colegio ist eine öffentliche Schule, das normale Gymnasien in Deutschland an Größe bei leichtem übertrifft. Das Erste, was mir auffiel, war die Tatsache, dass alle Schüler eine Schuluniform trugen. Das Zweite, dass diese öffentliche Schule in Peru, in welchem Land manche Haushalte noch nicht einmal über einen vernünftigen Herd verfügen, besser ausgestattet war als manche deutsche Schule! In jedem Klassenraum ist ein Smartboard zu finden und Hausaufgaben werden ganz selbstverständlich auch in ein Forum hochgeladen. Wirklich unglaublich!
Der Lehrer, mit dem ich zusammenarbeite, ist sehr freundlich. Er hat mich der Klasse vorgestellt und sofort in den Unterricht eingebunden: Aussprache üben. Das hat ziemlich gut geklappt, da die Schüler auch im Unterricht mitmachen, obwohl 20 Minuten lang nur nachzusprechen, was eine Person vorne an der Tafel vorgibt, nun wirklich nicht unglaublich spannend ist. Und es sind viele Schüler pro Klasse. Am Donnerstag hatte ich beide Male eine Klasse von ca. 35 Schülern! Diese waren zwischen zwölf und dreizehn Jahre alt (Jungen und Mädchen). Ich werde auch noch jüngere Schüler unterrichten, allerdings erst in der kommenden Woche – in welcher ich auch die Lehrerin treffe, mit der ich außerdem noch zusammenarbeiten werde.

In zwei der Stunden nächste Woche wird jeweils eine Klausur geschrieben; aber für die Woche darauf darf ich eine Grammatikstunde sowie ein Diktat vorbereiten. Auch ist der Lehrer offen für Vorschläge, sodass ich den Unterricht aktiv mitgestalten darf – worauf ich mich sehr freue.
Das Wort „freuen“ kommt sehr oft in meinem Bericht vor – aus dem einfachen Grund, weil mich hier so vieles begeistert. Ab morgen werde ich bspw. Cusco genauer erkunden und an Salsa-Tanzstunden teilnehmen; ab der Woche darauf beginne ich mit einem peruanischen Kochkurs. Und in zwei Wochen geht es zum Machu Picchu. Man kann hier so viel unternehmen und so viel genießen, wenn man neugierig und bereit ist, sich auf Neues einzulassen. Und wenn man das einmal tut, fühlt es sich an, als würde man einmal schnipsen und der halbe Aufenthalt ist vorbei. Wovor ich etwas Angst habe, denn, wie gesagt, ich werde es hier vermissen. Aber darüber denkt man besser nicht zu viel nach – lieber genießt man diese unglaubliche Zeit.

Dritte bis fünfte Woche

Nach einiger Zeit lasse ich wieder von mir hören und habe allerhand Dinge zu berichten. Reiseapotheke, Machu Picchu, Kochkurse, Valle Sagrado und Puno/Titicacasee sind nur einige Stichworte, die in diesem Bericht fallen werden.
Wer länger als einen Monat in Cusco verbringen will, sollte sich überlegen, an einem peruanischen Kochkurs teilzunehmen. Kochschulen bieten bei einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis Kochkursen für Haupt- und Nachspeisen. Das Einzige, was man sich noch organisieren soll, ist ein Heft für die Rezepte sowie ein Schneidebrett, einen Löffel, ein Geschirrtuch und ein Messer – aber das stellt die Familie prinzipiell auch bereit. Ich habe mich für den Dessertkurs angemeldet und festgestellt, dass deutsche Desserts den peruanischen nicht das Wasser reichen können. Köstlich! Ich hoffe nur, dass ich die Zutaten für die Gerichte auch in Deutschland finde, denn einige davon sind typisch peruanisch. Soll heißen: Der Deutsche steht unwissend vor einer „Guanabana“, was mehr wie aus der Sesamstraße klingt, und fragt sich, was in Gottes Namen diese Frucht ist. Aber es ist wirklich wert, einen solchen Kochkurs zu besuchen. Ich meine, wann bekommt man schon das nächste Mal die Gelegenheit, absolut authentisch die Nationalgericht Perus zu erlernen?

Wenn wir schon beim Geldausgeben sind: Wo man sein Geld wirklich gut investieren kann, ist das Reisen. Am Anfang meines Aufenthaltes habe ich ein paar Tage im Amazonas verbracht; am letzten Wochenende hieß es dann: auf zum Machu Picchu. Es ist wohl die bekannteste Touristenattraktion Perus und oftmals auch leider das Einzige, was Menschen von Peru kennen. Meiner Meinung nach darf eine Reise dorthin nicht fehlen, wenn man nach Peru fährt; allerdings ist der Ort in meinen Augen etwas „overhyped“ - es gibt viele sehenswerte Orte in Peru, die Machu Picchu nicht wirklich nachstehen.

Perfekt ist die Tour zum Machu Picchu meiner Meinung nach, wenn man einen Ausflug ins heilige Tal (Valle Sagrado) dranhängt. So bekommt man einen guten Einblick in die Inkakultur und bestaunt viele jahrhundertealte architektonische Meisterwerke. Leider ist dieses Touristengebiet hoffnungslos überteuert, weshalb man Geld bspw. vorher in Cusco tauschen sollte. Denn jenes braucht man vor allem, wenn man einen Abstecher nach Pisac machen will – einem Dorf im heiligen Tal, wo echtes Silber und Edelsteine zu Schmuck verarbeitet und im Anschluss auch verkauft werden. Preise: Für einen Anhänger aus 950 Silber (90% Silber, 10% Bronze, damit das Silber nicht bricht) mit Edelsteinen der Größe mehrerer Münzen zahlt man umgerechnet ca. 20 Euro. Deshalb lohnt es sich, mehr Geld einzupacken. Nichtsdestotrotz sollte man das Feilschen und Herunterhandeln nicht vergessen.



Den Weg zum Machu Picchu haben meine Freundin und ich mit dem Zug und Bus bestritten – es geht aber auch zu Fuß, was ein unglaubliches Erlebnis sein soll. Der typische Pfad ist dabei der Inca Trail; aber es gibt auch andere Wege zum „Alten Gipfel“ (Machu Picchu), wenn diese auch nicht dieselbe historische Bedeutung haben wie der Inka-Pfad, der von jenem Volk einige hundert Jahre zuvor regelmäßig bestritten wurde. Diese Wanderung geht mehrere Tage durch Hitze am Tag und Kälte bei Nacht – empfohlen ist es, diese in der Trockenzeit von Mai bis ca. August/September zu unternehmen. Aufgrund der Temperaturverhältnisse und der Höhen, die überwunden werden, ist es ratsam, fit und an die Höhe angepasst zu sein. Am besten verbringt man zuvor eine Woche in Cusco auf 3.400 Metern, sodass man akklimatisiert den Weg zur Inkastadt Machu Picchu bestreiten kann. Ein Tipp von mir: Wenn man zu dieser Stadt fährt, sollte man sich am besten auch ein Ticket für den Wayna Picchu besorgen – der große Berg, der auf den Panoramabildern von Machu Picchu zu sehen ist. Diesen dürfen täglich nur 400 Besucher besteigen, weshalb man sich frühzeitig um ein Ticket kümmern sollte. Denn der Ausblick vom 2.700 Meter hohen Berg, der 300 Meter über der Stadt Machu Picchu liegt, ist atemberaubend. Wenn man genügend Zeit hat, kann man auch den Mondtempel besichtigen. Letzteres dauert insgesamt 4 Stunden; der Auf- und Abstieg des Wayna Picchu ca. 2 Stunden, wenn man sich nicht hetzt. Eine relativ gute Kondition und gutes Schuhwerk können nicht schaden.

Die Reise zum Machu Picchu war meine vorletzte; dieses Wochenende geht es nach Puno, einer Stadt am Titicacasee. Am Dienstag komme ich wieder zurück; an jenem Tag findet nämlich das „Inti Raymi“, das Wintersommersonnenwendenfest der Inka statt, welches für jene auch das neue Jahr markierte. Dieses Fest wird immer noch groß gefeiert, besonders in Cusco im Sacsayuaman, dem Ort, an dem Cuscos Grundsteine liegen. Ich bin schon sehr gespannt und werde auf jeden Fall davon berichten.



Zuletzt noch ein paar Sätze zu meiner Hauptbeschäftigung in Cusco, meinem Projekt. Jenes nimmt nun mehr und mehr Form an, nachdem ich mich etwas eingelebt und mit der Unterrichtssituation vertraut gemacht habe. Der Lehrer, mit welchem ich zusammen arbeite, ist sehr nett und unterstützt mich unglaublich. Zudem lässt er mir sehr viel Freiheit, was meine Unterrichtsplanung betrifft, und lässt mich ausnahmslos jede Stunde unterrichten. Natürlich ist er immer noch im Klassenraum und unterstützt mich. Er hat dabei die perfekte Möglichkeit, Noten zu vergeben, was als Ansporn sehr gut funktioniert. Denn ansonsten lernen die Schüler nicht. Dabei ist es egal, wie oft man englische Pronomen erklärt; wenn die Schüler keinen Schuldruck haben, werden sie jene am Ende vergessen, auch wenn man sich schöne Arbeitsblätter und Spiele ausgedacht hat.

Die meisten Schüler, die eine öffentliche Schule hier in Peru besuchen, können am Ende ihrer Schullaufbahn kaum ein Wort Englisch. Das hat unterschiedliche Gründe und führt dazu, dass Familien, die es sich leisten können, ihre Kinder für viel Geld auf private Schulen schicken. Ich erwarte nicht, dass dank meiner Hilfe die Schüler flüssig Englisch sprechen werden. Das ist aufgrund der geringen Zeit, die ich hier bin, unrealistisch. Aber ich hoffe, dass ich ihr Interesse an der Sprache wecken und ihnen ein bisschen mehr beibringen kann. Ich hoffe, dass ich in drei Wochen, wenn ich wieder zurück nach Deutschland kehre, eine kleine Veränderung sehen kann. In jedem Falle inspirieren meine deutschen Unterrichtsmethoden - Stichwort Gruppenarbeit und interaktives Lernen - was vielleicht auch längerfristige Konsequenzen haben wird.

Was kann ich bis jetzt also über meinen Aufenthalt sagen? Dass es eine lebensverändernde Erfahrung ist, die mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet hat. So naiv das auch klingt, aber Peru hat mir beigebracht, dass das Allerwichtigste im Leben die Menschen, die wir lieben, und Gesundheit ist. Aber es hat mir auch zu verstehen gegeben, wie gut es uns in den Industriestaaten geht und dass unsere Probleme, im Gegensatz zu den Problemen vieler Peruaner, oftmals eine leichtere Lösung haben.
Die Zeit hier in Peru ist eine wundervolle Zeit, die ich sehr genieße – nichtsdestotrotz gibt es einige Dinge, die ich hier misse und mich deshalb freue, auch wieder nach Hause zu dürfen. In drei Wochen – was bedeutet, dass noch drei unvergessliche Wochen in Peru anstehen.

Sechste bis Mitte siebte Woche

Von den drei Wochen, von denen ich in meinem letzten Bericht noch gesprochen habe, sind nun nur noch 1 ½ übrig. Und das ist ein wirklich seltsames Gefühl, denn nach knapp zwei Monaten hier in Peru habe ich das Gefühl, Jahre hier gelebt zu haben. Der Gedanke, nach Deutschland zurückzukehren, ist mir fremd; es fühlt sich an, als würde ich in ein anderes Land emigrieren. Was nicht bedeuten soll, dass man sich nach 2 Monaten Peru nicht etwas auf Deutschland freut. Es ist einfach kaum zu glauben, dass ich bald zurückfliege – und auch ein bisschen traurig.
Und das aus ganz unterschiedlichen Gründen, die jeder für sich selbst definiert. Einer von meinen ist sicherlich das Reisen hier in Peru – meine letzte Unternehmung führte mich an den Titicacsee, dessen Besuch ich jedem ans Herz lege. Blau, blau, blau, blau, blau – das ist der erste Gedanke, den man bei vielen der Fotos vom See hat. Wenn man dann auch noch Glück mit dem Wetter hat, ist das Farberlebnis noch intensiver. Und neben dieser Pracht bietet der höchste Binnensee der Welt auch noch kulturell hochinteressante Sehenswürdigkeiten wie die schwimmenden Inseln (Islas Flotantes) oder die Insel mit den besten Webern Südamerikas (Isla Taquile).



Puno, die Stadt am See, bietet selbst kaum Sehenswürdigkeiten. Dennoch ist es eine charmante kleine Stadt, die ein perfekter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung ist – der Friedhof Sillustani und der Fruchtbarkeitstempel in Chucuito sind nur zwei von vielen sehenswerten Orten. Wenn man viel Zeit mitbringt, kann man auch einen Ausflug nach Bolivien machen sowie weitere Inseln besuchen. Der Titicacasee ist in jedem Fall einen Besuch wert.
Und wie kommt man dorthin? Puno verfügt über keinen eigenen Passagierflughafen, der regelmäßig angeflogen wird. Deshalb ist man auf den Bus angewiesen, welcher aber sehr bequem und sicher ist. Sehr empfehlenswert!

Nach meiner Rückkehr aus Puno stand hier in Cusco das so genannte Inti Raymi an, das Sonnenfest. Im andischen Kalender beginnt das neue Jahr am 21. Juni, wenn der südamerikanische Kontinent sich wieder mehr und mehr der Sonne zuwendet. Ein paar Tage später wird dann in der Hauptstadt des ehemaligen Inkareichs mehrere Tage das Sonnenfest gefeiert – mit Zeremonien, Umzügen, bunten Kostümen und viel Musik. Die Hauptzeremonie findet dabei am 24. Juni am Sacsayhuaman statt – dort, wo Cuscos Grundsteine liegen. Die Zeremonie ist zwar in der nativen Sprache Quechua, aber das Spektakel ist dennoch sehr beeindruckend und verständlich. Es zieht außerdem unzählige Besucher an – die Menschenmassen waren einfach unglaublich.

Es ist wirklich interessant, wie Peru seine Kultur pflegt und entwickelt. Viele Teile der Inkakultur werden am Leben gehalten – das reicht von der Sprache Quechua über beispielhafte Rituale wie das Inti Raymi bis hin zur traditionellen Kleidung vieler Peruaner. Auch die katholische Religion unterliegt den indigenen Einflüssen. Dennoch sprechen die Menschen hier Spanisch, wenn auch mit einem lateinamerikanischen Dialekt. Die Vermischung der spanischen und indigenen Kultur ist ein hochinteressanter und vielseitiger Prozess. So ist diese Kultur schon allein von ihrer momentanen Entwicklung her einzigartig. Und das ist nicht nur in der exotischen peruanischen Küche sichtbar; dies wird in so vielen alltäglichen Dingen deutlich. Viele Bräuche und Traditionen sind uns Europäern sehr fremd. Ein Beispiel: Der Besuch des Friedhofs ist, zumindest in meiner Gastfamilie, eine Gewohnheit, der mindestens einmal in der Woche nachgegangen wird. Was tun westliche Länder auf Friedhöfen? Sie lassen dort Blumen, trauern und weinen. Was passiert hier in Peru? Hier wird getrunken, gefeiert und getanzt. Einmal jährlich gibt es auch den Tag der Toten: An diesem Tag wird vormittags der Besuch des geliebten Verstorbenen erwartet; abends hingegen macht man sich selbst auf zum Friedhof, um ihn dort zu besuchen. Begleitet wird dieses Ritual von gutem Essen und Trinken sowie Musik.
Fremd, nicht wahr? Und dennoch finde ich viele dieser Rituale sehr sympathisch, aufbauend und ermunternd. Und interessant. Genauso wie die folgenden Gesten:
- Wenn in Peru jemand mehrmals hintereinander niest, wünscht man ihm beim ersten Mal „salud“ (Gesundheit), beim zweiten Mal „dinero“ (Geld) und beim dritten Mal „amor“ (Liebe).
- In meiner Gastfamilie würde dir meine Gastmutter nie ein Messer in die Hand geben. Sofern man um ein Messer bittet, legt sie es einem auf dem Tisch. Denn jemanden direkt ein Messer zu reichen bringt Unglück.
- Seiner festen Beziehung sollte man nach peruanischer Ansicht nie einen Schal schenken. Warum? Damit gibt man ihm etwas, was ihn wärmt und somit die Möglichkeit, wegzugehen.

Das sind nur drei Beispiele für die zahlreichen peruanischen Sitten. Eine dieser Sitten ist auch die hora peruana - die peruanische Zeit. Wenn Wert darauf gelegt wird, dass zu einem Treffen pünktlich erschienen wird, wird meist darauf hingewiesen, dass von hora alemana die Rede ist – von der deutschen Zeit. Was mich entspannter gemacht hat, verhindert hier leider das reibungslose Funktionieren des gesamten Systems: Die Unpünktlichkeit sowie oftmalige Unorganisiertheit der Peruaner macht mir immer wieder klar, dass Peru noch einen langen Weg zum Industrieland vor sich hat. Dies wird auch daran deutlich, dass Kinder hier viel weniger Chancen haben als deutsche Kinder. Für das, was für uns selbstverständlich ist – eine ordentliche Schulbildung und Weiterbildung, oftmals aber auch eine behütete Kindheit, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf – müssen viele Kinder hier hart kämpfen. Sicher, damit meine ich primär Straßenkinder, die aus zerrütteten Familien kommen und mit 10 Jahren 3 Nebenjobs haben. Aber sekundär trifft dies auch auf die Kinder zu, die ich unterrichte. Auch dort findet man kaputte Familien und traurige Schicksale. Aber vor allem trifft man dort oft auf Demotivation und sucht vergebens nach Lerneifer. Das liegt zum einen am Alter der Kinder – mit 12 und 13 Jahren hat man auch in Deutschland andere Interessen als Schule. Aber zum anderen liegt das auch an der Tatsache, dass die Kinder hier keine so glanzvolle Zukunft vor sich haben wie wir. Und das verringert natürlich die Lust, sich anzustrengen. Denn wozu? Das werden sich viele Jugendliche sagen. Deutlich wird das an folgendem Faktum:
Von den 800 Schülern, die letztes Jahr an der Schule ihren Schulabschluss erhalten haben, haben genau 2 Schüler es zum Medizinstudium geschafft. Weitere 10 bis 20 sind überhaupt an die Universität gegangen. Das macht mindestens 780 Schüler, die keine universitäre Bildungslaufbahn eingeschlagen haben. Das wäre nicht weiter schlimm, gäbe es hier ein deutsches Ausbildungssystem. Auf meine Frage hin, was denn dieser Großteil der Schüler nach seinem Abschluss mache, war die Antwort: Taxi fahren. Wahrscheinlich helfen viele Kinder auch ihren Eltern aus und verkaufen an Ständen Waren. Das ist kein schlechtes Leben, natürlich nicht. Es ist auch nicht tragisch, dass einige diesen Weg einschlagen, denn auch so ein Leben kann glücklich machen. Nein, das Tragische ist, dass viele keine Alternative zu diesem Lebensweg haben. Dass sie gezwungen sind, diesen Pfad einzuschlagen. Und dass sie nie die Inspiration haben werden, die wir haben. Damit meine ich dieses große Gefühl, das einen überwältigt, wenn man sich seiner Möglichkeiten bewusst wird. Damit meine ich den Ehrgeiz, der einen packt, wenn man sich dafür entscheidet, seinen Traum zu verwirklichen – egal, wie viel man dafür arbeiten muss. Damit meine ich auch die Hilflosigkeit nach dem Abitur, wenn man vor lauter Chancen gar nicht weiß, was man machen soll.



All das ist für deutsche Kinder mehr oder weniger selbstverständlich. Egal mit welchem Budget oder Schulabschluss man in Deutschland dasteht – es gibt immer Möglichkeiten, die Umstände zu ändern, ob mit Stipendien, Weiterbildungen oder Minijobs. Sicherlich gibt es auch Deutsche mit Problemen. Aber wenn man die durchschnittlichen deutschen Probleme mit den durchschnittlichen peruanischen vergleicht, wird man merken, dass die Lösung für die deutschen immer näher liegt und einfacher ist als die Lösung für peruanische Probleme. Und dass es uns in Deutschland wirklich verdammt gut geht.

Nichtsdestotrotz ist meine Zeit hier in Peru wundervoll – wofür ich mich auch nach all meinen Erfahrungen und Entdeckungen etwas schäme. Worauf ich aber wiederum sehr stolz bin, ist die Tatsache, dass meine Freiwilligenarbeit etwas bewirkt hat. Nicht nur, dass meine Schüler, sobald sie mich sehen, auf mich zugestürmt kommen und mich freudig begrüßen; sie sind auch traurig, dass ich bald wieder nach Deutschland zurückkehre und wollen, dass ich bleibe. Eine der Schülerinnen hat sich neulich, als ich meine vorletzte Stunde hatte, bei mir für alles bedankt. Das ist so unglaublich rührend und lässt mich hierbleiben wollen. Und diese Dankbarkeit ist außerdem der größte Lohn für meine Arbeit. Das macht alles Negative wett – die Tests, die in den Sand gesetzt wurden, die Frustration, wenn die Schüler überhaupt kein Interesse am Unterricht zeigten oder einfach nicht zuhören wollten, das schlechte Gewissen, wenn man deshalb streng mit ihnen war. Der Lohn, den wir für unsere Arbeit hier bekommen, ist viel größer als das, was wir dafür geben und was sie uns kostet. Er ist ein unglaubliches Geschenk, das, davon bin ich überzeugt, wir für immer in unserem Herzen tragen werden.
Und das ist einer der Gründe, warum ich so traurig über mein näher rückendes Abflugdatum bin. Ich habe mich schon jetzt entschieden, mich weiterhin als Freiwillige im Ausland zu engagieren – denn die Ansichten, die man als ehrenamtlicher Helfer gewinnt (besonders im Ausland unter anderen Lebensbedingungen), werden tief im Bewusstsein verankert. Einmal Freiwilliger, immer Freiwilliger! - damit lässt es sich, glaube ich, gut beschreiben.

Die Devise für meine verbleibende Zeit ist also, sie vollends zu genießen. Ich kann jedem nur empfehlen, besonders in den letzten Wochen viel einzukaufen und Fotos zu machen, wenn man das nicht ohnehin schon gemacht hat. Und dieses unbeschreibliche Panorama Cuscos zu genießen. In meinen verbleibenden 10 Tagen werde ich alles noch einmal auskosten und ganz bewusst erleben.


----------

-> zu dem Projekt

Kommentar zu diesem Erfahrungsbericht schreiben

-> Kommentar zu diesem Bericht schreiben