Erfahrungsbericht Tunesien

-> Kommentar zu diesem Bericht schreiben
Land
Tunesien
Träger
El Qantara - Die Brücke e.V.
Freiwillige/r
anonym

Centre El Walid

Seit dem 01.09.2005 arbeiten wir im "Centre El Walid" in Ariana/Tunesien, einem Schulzentrum für geistig behinderte Kinder. Das Schulzentrum ist ein Teil der "Association des Parents et des Amis des Handicapes en Tunisie" (APAHT). In der Schule sind zur Zeit etwa 70 Kinder eingeschrieben, die alle noch zu einem gewissem Grad beschulbar sind. Ihnen werden grundlegende Dinge beigebracht, die ihnen den Umgang mit den Menschen in ihrem Umfeld erleichtern sollen. Es gibt in der Schule einen Ergotherapeuten, eine Psychologin und zwei Logopäden. Dieses medizinische Spezialistenteam geht auf die individuellen Belange der Kinder ein und schafft so eine Grundlage für das Erzieherteam, das aus mehreren FachlehrerInnen und ErziehungsassistentInnen besteht. Wir sind den AssistentInnen gleichgestellt und haben vergleichbare Aufgaben- und Arbeitsbereiche. Natürlich macht sich unsere nicht wirklich vorhandene Ausbildung und Erfahrung im Erziehungsbereich bemerkbar aber wir können den Lehrern gut helfen und zuarbeiten. Vor allem sind die Kinder etwas ruhiger wenn zwei Autoritätspersonen im Raum sind.

Der Schulbetrieb


Unser Arbeitstag beginnt um 9:00 Uhr morgens und endet gegen 16:00 Uhr. Vormittags werden dann von 9 Uhr bis 12 Uhr in drei Blöcken verschiedene Themen unterrichtet. Wir sind in zwei Gruppen untergebracht und assistieren den Lehrern in den unterschiedlichen Fächern wie Arabisch, Mathematik, Geschichte und einigen "Spezialfächern" wie "Socialisation" oder "Eveil".

Die Arabischlehrerinnnen bringen den Kindern in unseren Klassen die ersten Buchstaben bei. Durch verschiedene Mal- und Bastelspielchen werden den Schülern die Buchstaben näher gebracht. Mittlerweile kennen sie schon so viele Buchstaben, dass wir anfangen erste Worte zu bilden und einige Worte von den Kindern erkennen lassen. Nach der ersten Stunde wird dann um 10 Uhr erstmal eine Frühstückspause gemacht, die zwischen 15 und 25 Minuten dauert.

Im Mathematikunterricht lernen die Kinder Zahlen und geometrische Formen kennen. Durch zählen bestimmter Abbildungen und ankreuzen, sowie durch das Malen der Ziffern machen die Kinder die Bekanntschaft mit den Zahlen.

Der Geschichtslehrer erzählt Geschichten und Märchen die die Kinder dann nacherzählen müssen. Eigentlich simples Gedächtnistraining. Außerdem werden den Kindern Worte (mündlich) beigebracht, damit sie die Welt in der sie leben auch vielleicht mal verstehen und erklären können.

Über die Woche verteilt haben die Kinder neben den drei vorgestellten Fächern auch noch Sportunterricht und "Psychomotricité", eine Stunde in der die Kinder ihre motorischen Fähigkeiten mit der Psyche zusammenzubringen erlernen. Einen "sportlichen" Höhepunkt stellt außerdem die Hippotherapie dar. Dazu werden die Kinder einmal pro Woche auf einen großen Reiterhof gefahren und dann werden sie den Pferden näher gebracht. Die Kinder verändern sich sehr stark, wenn sie auf einem Pferd sitzen. Sie sind sehr konzentriert, passen auf und freuen sich über ihren Mut. Leider ist der Reiterhof mittlerweile privat geführt, dadurch kann aus Kostengründen im Versicherungsbereich die Hippotherapie nicht mehr durchgeführt werden.

Einmal pro Woche kommen auch noch zwei Musiker in die Schule um Musikunterricht zu geben und mit den Kindern einige Lieder einzuüben, die dann auf verschiedensten Festen und Feiern vorgeführt werden.

Bevor die letzte Vormittagsstunde beendet ist, gehen wir täglich zu einer anderen Grundschule in der Stadt um eine halbintegrierte Klasse für die Nachmittagsbeschäftigung ins Centre zu holen. Diese Klasse setzt sich aus unterschiedlich behinderten Kindern zusammen, ist aber in einer "normalen" Schule untergebracht. Durch den Kontakt mit den anderen Kindern verhalten sie sich ganz anders als die Kinder, die nur bei uns im Schulzentrum sind. Weil wir mit dieser Klasse seit Anfang dieses Schuljahres immer zu Fuß ins Schulzentrum gehen, sind die Kinder auch schon sehr gut an den Straßenverkehr gewöhnt. Den Autisten wird es zwar immer an Reflexen fehlen aber ihre Aufmerksamkeit ist während des kleinen Fußmarsches erhöht und sie achten mehr auf das, was um sie herum geschieht, als wenn sie beispielsweise in der Klasse sitzen und nicht gerade direkt angesprochen werden. Wenn wir dann wieder im Centre angekommen sind, bekommen die Kinder ihr Mittagessen wir haben dann auch erstmal Pause bis um 13 Uhr.

Nachmittags werden dann für die Kinder verschiedene meist praktische Arbeitsgruppen ermöglicht. Jakob leitet zusammen mit dem Geschichtslehrer täglich 1 Stunde mit unterschiedlichen Gruppen die Video AG. Mittlerweile gibt es einen Beamer und eine Leinwand, das Soundsystem (5.1, 1000 Watt) fehlt natürlich nicht. Mit den älteren Kindern schauen wir dann Filme wie Troja oder Gladiator. Angeblich soll man damit das Geschichtsverständnis erhöhen können. Die Kinder können sich dann ja vorstellen wie das damals so gewesen sein könnte. Zum Glück redet der Lehrer mit den Kindern über das Gesehene und es wurden auch schon Ausflüge in Museen und zu historischen Stätten unternommen um an die Filme anzuknüpfen. Die kleineren Kinder dürfen sich Filme wie "Findet Nemo", "Das Dschungelbuch" oder "König der Löwen" anschauen, der Lehrer stellt dann die Tiere vor und die Kinder müssen auch hier wieder nacherzählen was sie gesehen haben.

Martin gibt zwei Mal die Woche Schlagzeugunterricht, mit maximal 2 Schülern im gleichen Raum. Dadurch ist es möglich sich intensiver um die Kinder zu kümmern und sie lernen somit auch mehr. Es scheint auch eine gute Therapie gegen Stress und Aggression zu sein, denn nach einer halben Stunde Unterricht herrscht meisten absolute Ruhe. Der Gitarrenunterricht ist leider nur sehr selten möglich, da der ausgewählte Schüler meist lieber Schlagzeug spielen will.

Die restlichen zwei Nachmittagsstunden verbringen wir dann in anderen Gruppen, in denen genäht (Atelier de Couture), gemalt (Atelier de Peinture), gelesen (Bibliotheque), getanzt (Expression Corporelle), gekocht (Cuisine), getöpfert (Poterie) oder musiziert (Club de musique) wird. Wir leiten auch einige Nachmittagsgruppen um mit den großen Basketball zu spielen (draußen im Hof) oder mit den kleinen den Garten zu pflegen.

Praktische und handwerkliche Tätigkeiten


Seitdem wir im Centre El Walid beschäftigt sind, hat sich im Gebäude viel durch unser Mitwirken verändert. So haben wir gleich in unseren ersten Tagen den Kindergarten in der alten Küche untergebracht. Dafür musste neuer PVC-Boden verlegt werden, die Schränke wurden gestrichen, Vorhänge wurden angebracht, Spiegel und Regale angeschraubt, Tische lackiert, Stühle repariert und natürlich wurden auch die Wände mit frischer Farbe versehen. Als nächstes wurde im Speisesaal der Boden ausgebessert und dann mussten die Tische und Stühle rein gebracht werden. Auch der Sportraum hat sich verändert, wir haben einen Basketballkorb und zwei Sprossenwände angebracht. Durch die neue Raumzuteilung mussten dann noch diverse Schränke sowohl Raum als auch Etage wechseln.

Im Lager mussten wir eine Inventur durchführen und die Gegenstände auch öfter mal aus- und wieder einräumen, weil es angeblich Gründe dafür gegeben hat. Bis zu den Weihnachtsferien fielen dann keine nennenswerten Aufgaben mehr an, die über Stühle schleppen oder Tische auswechseln hinausgingen. Alltägliche Dinge wie Stühle reparieren, Türgriffe erneuern etc. wurden immer mal zwischendurch gemacht.

Im neuen Jahr wurden die praktischen Aktivitäten auf die Verschönerung des Centres für einen anstehenden Besuch des amerikanischen Botschafters fokussiert. Martin hatte sich zur Aufgabe gemacht die Außenwände während der Wochenenden zu streichen um seine geplanten Urlaubstage schon mal abzuarbeiten. Große Veränderungen im Vorfeld des Besuches taten sich aber eher im Bereich der IT- und Multimedia-Ausstattung des Centres. So wurde von Martin und mir nicht nur der neue Computerraum mit sieben Arbeitsplätzen eingerichtet, es wurde ein Beamer, eine Leinwand und das Soundsystem installiert. Im Speisesaal gibt es auch einen neuen Fernseher (42" Plasma!), damit die Kinder in der Mittagspause leichter beschäftigt werden können. Wir haben zwei Tage vor dem Besuch dann noch schnell einen ganzen Berg an Pflänzchen im Innenhof eingegraben um dieses Stückchen karge Erde nach etwas aussehen zu lassen.

Um dem Botschafter einen guten Blick über das Centre zu verschaffen, hat Jakob mit Hdija (eigentlich Informatiklehrerin, aber bisher hat sie die ganze Schreibarbeit übernommen und die Sekretärin entlastet) ein ausführliches Dossier über die Arbeit des Centres zusammengestellt.

Für den Rest des Jahres sind noch einige minder wichtige Reparatur- und Ausbesserungsarbeiten vorgesehen, so muss z.B. die Regenrinne umkonstruiert werden damit das Regenwasser endlich mal in der Kanalisation landet und nicht ständig den Rasen überflutet. Natürlich wird es immer mal wieder was zu streichen geben und auch Türgriffe haben hier in Tunesien keine hohe "Lebenserwartung", aber große Projekte hatten wir dieses Schuljahr schon genug. Martin hat noch eine Blumenkastenidee für die Gartenmauer um dem Garten zu mehr Grün zu verhelfen. Jakob wird versuchen, Madame Azzouz von vernetzten PCs im Computerraum zu überzeugen und dieses Netzwerk dann einrichten. Vielleicht wird auch ein Internetzugang für die Kinder als Wichtig anerkannt und dafür müssten dann Telefonleitungen neu verlegt werden. Aber dieses IT-Projekt könnte leider auch in den Händen tunesischer Handwerker landen. Falls uns die Ideen ausgehen sollten, wird Madame Azzouz bestimmt was einfallen.

Privates


Unseren Wohnraum (die alte Näherei) haben wir mit zwei Betten, zwei Schränken, einem großem und drei kleinen Tischen, zwei Bürostühlen und Colakisten-Regalen eingerichtet. Die Dusche ist noch nicht ganz fertig, aber es fehlen nur noch die Armaturen und die Küche ist ausreichend eingerichtet (Gasherd, Waschbecken, Kühlschrank (aus dem ständig unsere Vorräte abhanden kommen) und das nötige Geschirr sind vorhanden). Kommunizieren (Internet) können wir außerhalb der Schulzeit über den Telefonanschluß des Büros der Direktorin. An schönen Tagen haben wir das Dach als geräumige Terrasse zur Verfügung und zum Zeitvertreib können wir (nachdem wir uns die Schlüssel beschafft haben) den Musikraum oder den Sportraum nutzen. Zum Glück wurden im letzten Herbst die Gasöfen für die Heizung installiert, somit mussten wir nicht in feucht/kalter Luft sondern nur in feucht/warmer Luft leben. Eine Waschmaschine für "die Kinder" benutzen wir stillschweigend mit um die Waschsalon-Kosten zu sparen. Nach weiteren Schlüsselbeschaffungsmaßnahmen wollen wir das gute "Home Cinema" an den Wochenenden nicht ungenutzt lassen (wäre ja schade um die Investition) und die nächsten Grillabende auf dem Dach sind auch schon geplant. Die Unterbringung ist also im materialistischen Sinne gesehen vollkommen befriedigend.

In der näheren Umgebung der Schule gibt es eigentlich (bis auf Alkohol) alle wichtigen Dinge zu kaufen. Der Magro ist ja nicht weit und falls man mal spät nachts was braucht geht man halt zu nem kleinen "Onkel-Araber-Laden". Einmal pro Woche gehen wir mit den beiden Landsleuten aus Manar ins Hammem und danach gibt es eine Lablabi. Um mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen, haben wir den Arabischkurs in der Bourghiba School angefangen und mussten feststellen, dass das Tunesisch schon sehr weit entfernt vom "Arabe Standard" ist. Einkaufen und kleine Smalltalks schaffen wir aber mittlerweile auch schon ohne französische Sinnrettungseinschübe. Das bringt uns in Ariana einige Sympathisanten. Den Arabischkurs belegen wir trotzdem und letzte Woche war die Halbjahresprüfung. Über den Arabischkurs haben wir angenehme Kontakte zu einigen Japanern, Kanadiern, Italienerinnen und Franzosen geknüpft. Dadurch lernen wir deren Kultur gleich noch mit kennen, wenn wir zu japanischem Brunch oder zu kanadischen Whisky-Abenden gehen.

Während des Ramadan haben wir natürlich mit gefastet und wurden auch oft von den Arbeitskollegen zum Abendessen eingeladen. Dadurch haben wir auch schon einen guten Einblick in die tunesische Küche erhalten. Auch die religiösen Feste haben wir im Umfeld tunesischer Familien mitgefeiert und konnten dadurch die Kultur und Lebensweise der Tunesier sehr gut kennen lernen. Auf diversen Kurztrips durchs Land haben wir mehrere Städte besucht und die Sehenswürdigkeiten "abgegrast".

Finanziell kommen wir ganz gut über die Runden. Wir bekommen von der Einrichtung ein kleines Taschengeld über 50 Dinar (für 20 Dinar müssen wir Kassenzettel vorlegen die belegen, dass Essen oder Grundversorgungsartikel von dem Geld gekauft wurden) und haben darüber hinaus noch unser Kindergeld aus Deutschland zur Verfügung, also ein monatliches Einkommen von 290 Dinar. Wir gehen dann pro Woche einmal zum Magro um die haltbaren Dinge für die ganze Woche zu kaufen. Monatlich geben wir beim Magro etwa 80 Dinar aus. Als Versorgungsgeld kommen dann noch etwa 70 Dinar für die frisch zu kaufenden Dinge hinzu. Zu zweit also 150 Dinar pro Monat. Dabei muss bedacht werden, dass wir hier in der Schule ein Mittagessen zur Verfügung haben. Abends wird oft nur noch Brot gegessen. Wenn man immer schön sparsam mit der Metro zur Bourghiba School fährt, dann fallen auch keine hohen Transportkosten an. Die Metro kostet 450 Millime ins Zentrum und ein Taxi liegt tagsüber bei 5 Dinar für eine halben Stunde (auch abhängig von der Strecke). Auch sonst ist das Leben, im Vergleich mit europäischen Ländern, recht billig. Jedoch sind Importartikel aus Europa sehr teuer, teurer als bei uns. Dadurch wird dann auch sehr schnell der Alkoholkonsum auf Bier und Wein beschränkt. (Es gibt zwar Whisky für 23 Dinar, den sollte man aber lieber im Kaufhausregal lassen.)

Kommentar zu diesem Erfahrungsbericht schreiben

-> Kommentar zu diesem Bericht schreiben